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02. Februar 2026

Die Bundeswehr im öffentlichen Raum – Unsere neue Blogreihe

Dass wir Jusos im Kreis Borken uns zum Thema Bundeswehr äußern, ist gar nicht so sachfremd, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Viele von uns sind mit der Kaserne in Borken aufgewachsen – ganz konkret, ganz alltäglich.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit meinen besten Kumpels als Kind am Zaun der Kaserne stand. Wir haben leere Patronenhülsen gesammelt, wohlgemerkt, und später damit gespielt. Ich erinnere mich auch an einen Soldaten, der erst gelacht und uns dann doch sehr deutlich gesagt hat, dass wir jetzt besser verschwinden sollten. Das sind Erinnerungen, die hängen bleiben.

Anfang der 2000er war die Bundeswehr im Alltag sichtbar. Für mich jedenfalls war es völlig normal, dass junge Männer in Gefreitenuniform durch die Borkener Innenstadt liefen – auf dem Weg zur Kaserne, beim McDonald’s oder am Bahnhof Richtung Ruhrgebiet. Auch die Düsenjets über dem Kreis Borken gehörten einfach dazu. Das alles war kein Ausnahmezustand, sondern Normalität.
Ich bin Jahrgang 1993. Als wir 2007 an der Overberg-Hauptschule Reken einen Berufsinformationstag hatten – heute würde man wohl „Nacht der Ausbildung“ sagen – war auch die Bundeswehr mit einem Stand vertreten. Ebenso später auf Großveranstaltungen wie der Gamescom in Köln. Die Präsenz der Bundeswehr im öffentlichen Raum ist also kein neues Phänomen.

2011 bekam ich meinen Brief zur freiwilligen Musterung. Einen Monat bevor ich 18 Jahre wurde. Die Wehrpflicht war gerade ausgesetzt worden, die Musterung freiwillig. Für mich war das damals ein großes Thema. Ich wusste mit fast 18 Jahren ehrlich gesagt nicht, wohin mit mir. Ich hatte das Gefühl, orientierungslos zu sein, und hoffte, bei der Bundeswehr zumindest Struktur und Richtung zu finden. Ich wollte meinem Vater sagen, dass ich gerne zur Bundeswehr gehen würde – wenigstens den Grundwehrdienst leisten.
Als ich es schließlich angesprochen habe, wurde dieser Mann, der in einer Schmiede arbeitet, den ich immer als hart, widerstandsfähig, fast unerschütterlich erlebt habe, kreidebleich. Er wurde ganz still und sagte nur, dass er das auf keinen Fall unterschreiben würde. Solange ich nicht volljährig sei, würde er nicht zulassen, dass ich zur Bundeswehr gehe.
Kurz darauf beendete unser damaliger Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Musterung faktisch ganz. Damit erledigte sich das Thema für mich – so wie für viele andere auch. Freunde von mir sind gegangen. Manche von ihnen haben dort tatsächlich Orientierung gefunden. Ich orientierte mich anders, doch das Gefühl, etwas Wichtiges nicht getan zu haben, hat mich bis heute nicht ganz losgelassen.

Ich möchte das rückblickend nicht romantisieren. Mir geht es nicht darum, den Grundwehrdienst im Nachhinein zu verklären. Ich erzähle diese Anekdote, weil sie für meine Generation nicht untypisch ist. Wir hatten Berührungspunkte mit der Bundeswehr. Und wir hatten diese Gespräche zu Hause.
Mit 18 konnte ich nicht verstehen, warum meine Eltern dagegen waren. Ich konnte nicht. Begreifen, warum sie ihr Kind nicht „loslassen“ wollten. Heute, mit über 30, verstehe ich es ein Stück weit besser.
Je älter man wird, desto mehr kommt man mit dem Tod in Berührung. Man begreift, wie brutal diese Welt ist. Und man versteht, warum Eltern nicht wollen, dass ihr Kind zum Töten ausgebildet wird. Warum sie Angst haben, dass es in einen Krieg zieht, den es nicht versteht, und vielleicht irgendwo in einem Graben stirbt.
Es gibt keinen schlimmeren Schmerz für Eltern, als ihr eigenes Kind zu Grabe zu tragen.

Und trotzdem möchte ich hier keinen pauschalen Antimilitarismus formulieren. Das wäre zu einfach – und der Realität nicht gerecht. Denn genau diese Realität erleben gerade unzählige ukrainische Familien. Junge Männer liegen in Schützengräben, Eltern bangen um ihre Söhne. Und auch wenn Russland der Aggressor ist: Auch dort werden Mütter diesen Schmerz empfinden, weil ihre Kinder nicht zurückkehren.
Vielleicht ist genau deshalb die Debatte um einen neuen Wehrdienst so wichtig. Beim Schreiben dieses Textes ist mir klar geworden, wie tief dieses Thema biografisch verankert ist – und wie wenig es sich für einfache Antworten eignet.

Bei mir steht auf dem Schreibtisch ein Foto meines Urgroßvaters in seiner Gefreitenuniform der Wehrmacht. Auf diesem Bild ist er 20 Jahre alt. Auf einem anderen, wenige Jahre später, wirkt er bereits alt, verbraucht, gezeichnet. Krieg und Militär haben jede deutsche Familie geprägt. Das erklärt, warum viele Mütter und Väter nicht wollen, dass ihre Kinder Wieder für den Krieg ausgebildet werden.
Gleichzeitig gibt es Argumente dafür, dass ein Wehrdienst – richtig gedacht – gesellschaftlichen Nutzen haben kann. Für Zusammenhalt. Für Verantwortung. Vielleicht auch für Orientierung.


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