Mitmachen

Aktuelles

27. Januar 2026

“Nie wieder“ heißt Erinnerung und Verantwortung

Am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts und des Nationalsozialismus, senken wir die Flaggen am Borkener Kreishaus. Wir erinnern an das unfassbare Leid von Millionen ermordeter Menschen. Doch dieser Tag ist mehr als ein stilles Innehalten. Er ist eine Verpflichtung, eine Verpflichtung, aus der Geschichte Konsequenzen für unser Handeln heute zu ziehen.
Der Kreis Borken war kein Randgebiet der Geschichte. Er war ein Raum lebendiger jüdischer Kultur. In vielen Städten und Dörfern unseres Kreises lebten jüdische Familien, gründeten Betriebe, engagierten sich in Vereinen, halfen beim Aufbau kommunaler Strukturen. In Reken bestand seit 1856 eine jüdische Gemeinde mit eigener Synagoge, eingebunden in einen größeren Synagogenbezirk mit Zentrum in Borken.

Der Faschismus im Kreisgebiet

Dieses jüdische Leben endete nicht schleichend, es wurde zerstört. Der Verkauf der Rekener Synagoge im Jahr 1938 markiert symbolisch das Ende jahrzehntelanger Präsenz.
Was wir heute wissen, wissen wir nicht vollständig, und auch das ist Teil der Wahrheit. Nach heutigem Forschungsstand führt das Gedenkbuch des Bundesarchivs über 100 namentlich erfasste jüdische Opfer mit direktem Bezug zur Großgemeinde Borken. Allein auf die Kernstadt Borken entfallen mindestens 80 ermordete Bürger*innen.

Gedenkstätte an der ehemaligen Synagoge „Nonnenplatz“ in Borken, welche am 9./10. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde. (C. Lutz Katzmarski)

Für Bocholt sind mindestens 34 deportierte jüdische Menschen dokumentiert. Für Gemen liegen im Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in
Westfalen detaillierte Einzelschicksale vor. Die jüdische Bevölkerung aus dem Kreis Borken wurde überwiegend über die Sammelstelle Münster deportiert:

  • am 13. Dezember 1941 nach Riga,
  • am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt, gemeinsam mit 901 Menschen aus
  • Westfalen,
  • im März 1943 nach Auschwitz, in das Zentrum industriellen Massenmords.

Ein Blick auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in der Stadt Borken zeigt die Systematik der Verfolgung: 1933 lebten dort noch etwa 160 jüdische Menschen, 1939, nach Pogromen, Entrechtung und Flucht, nur noch rund 60 und 1942 begann die endgültige Deportation der Verbliebenen.

Diese Menschen kamen nicht zurück. Ihre Familien nicht. Ihre Stimmen nicht. Ihr Beitrag zu unserem gesellschaftlichen Leben nicht. Und wir müssen die Wahrheit aussprechen, klar und ohne Ausflüchte: Es waren nicht abstrakte Figuren aus Berlin, die hier vor Ort Synagogen zerstörten
oder Deportationen organisierten. Es waren Nachbarn, Bekannte, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Viele schwiegen. Manche machten mit. Andere
profitierten. Grundstücke, Häuser und Geschäfte jüdischer Familien wurden zu
Preisen „verkauft“, die nichts anderes waren als legalisierter Diebstahl.
Auch nach 1945 setzte sich Unrecht fort. Überlebende und Angehörige mussten
klagen, um überhaupt gehört zu werden, während Täter, Mitläufer und
Verantwortliche vielfach ihre Karrieren fortsetzen konnten. Und bis heute gilt: Die
Quellenlage ist unvollständig, nicht weil es keine Wahrheit gab, sondern weil über
das „Verschwinden“ der jüdischen Nachbarn jahrzehntelang geschwiegen wurde.
Doch eines ist für unser Lernen entscheidend, und das dürfen wir niemals
vergessen:

Der Holocaust war nicht einfach „plötzlich da“

Die Deutschen wurden nicht über Nacht zu treuen Gefolgsleuten eines Verbrecherregimes. Der Weg in den Holocaust war ein jahrelanger Prozess: ein schleichendes Verschieben von Grenzen, ein Gewöhnen an Ausgrenzung, eine Normalisierung von Menschenverachtung. Er war möglich, weil zu viele gefallen sind oder sich arrangiert haben, die hätten standhaft bleiben müssen. Die NSDAP hatte keine absolute Mehrheit. Die Machtübertragung an Hitler war möglich, weil Zentrumspolitiker und erstarrte Konservative glaubten, man könne ihn „einhegen“, man habe ihn „im Griff“. Diese fatale Fehleinschätzung öffnete den Weg in die Diktatur. Und genau hier liegt die Verantwortung unserer Zeit. Auch heute erleben wir, wie Autokraten und Feinde der Demokratie Grenzen verschieben, sprachlich, politisch, moralisch. Auch heute gibt es Stimmen, die glauben, man müsse sich nur annähern, nur kooperieren, nur relativieren, dann könne man antidemokratische Kräfte kontrollieren. Die Geschichte lehrt uns das Gegenteil.

Antidemokratie ist ein Gift

Und jedes Mal, wenn wir glauben, man könne ein wenig davon beimischen, ohne Schaden zu nehmen, schwächen wir den Organismus der Demokratie weiter. Dieses Gift stärkt uns nicht, es zersetzt uns. Darum ist „Nie wieder“ keine Floskel. Es ist ein Versprechen, an die Ermordeten, an unsere Kinder und an die Demokratie selbst. Und dieses Versprechen bedeutet heute unmissverständlich: Demokrat*innen müssen Autokraten entgegentreten. Klar. Früh. Ohne Illusionen.

Erinnerung ohne Haltung ist wertlos.
Gedenken ohne Konsequenzen bleibt leer.
Erinnern heißt handeln.
Erinnern heißt Verantwortung übernehmen.
Erinnern heißt: Nie wieder, und nie wieder ist jetzt.


Zurück