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03. Mai 2026

Mit Currywurst in die Demokratie – Ein Tag im Landtag NRW

Eigentlich wollten Lutz und ich nur einen Podcast aufnehmen – ein ganz normaler Termin bei Nina Andrieshen (MdL) im Düsseldorfer Landtag. Am Ende bin ich mit einem echten „Wow“-Gefühl aus Düsseldorf gefahren. Warum dieser Tag meinen Blick auf Politik verändert hat, erzähle ich hier.

Bevor ich aber richtig in den Tag einsteige, kurz zu Nina: Nina Andrieshen ist Landtagsabgeordnete der SPD in Nordrhein-Westfalen aus unserem Landtagswahlkreis Borken I und arbeitet politisch besonders zu Bildungs-, Kinder- und Jugendthemen. Und wenn man später in ihr Büro kommt, versteht man ziemlich schnell, dass das bei ihr nicht nur ein Zuständigkeitsbereich auf dem Papier ist. Da hängen erstmal ziemlich präsent die Kinderrechte an der Wand. Nicht irgendwo klein als Deko, sondern sichtbar. So, dass man beim Reinkommen direkt merkt: Das ist hier nicht irgendein Nebenthema.

Der 05.03.2026 begann für uns allerdings erstmal ziemlich klassisch NRW: Stau, Baustellen, stockender Verkehr. Wir hatten unser Podcast-Equipment im Gepäck und wollten gegen 13 Uhr im Landtag sein. Düsseldorf machte es uns nicht leicht. Dieses langsame Vorankommen, bei dem man immer wieder denkt, jetzt läuft es – und zwei Minuten später steht man wieder. Vielleicht passte das aber auch ganz gut zu diesem Tag. Denn man fährt nicht einfach nur zu einem Termin, man nähert sich einem Ort, den man sonst meistens nur aus Nachrichten, kurzen Fernsehbildern oder politischen Schlagzeilen kennt.

Irgendwann liegt er dann vor einem: der Landtag Nordrhein-Westfalen, direkt am Rhein. Von außen wirkt das Gebäude erstmal nicht wie ein Schloss der Demokratie. Kein Prunk, keine große Geste. Eher ein massiver, ruhiger Bau. Ein bisschen nüchtern, ein bisschen schwer, aber auf eine Art auch passend zu NRW. Nicht schön im klassischen Sinne, eher funktional, bodenständig, fast westfälisch ehrlich, obwohl man mitten in Düsseldorf steht.

Wir durften aufs Parkdeck fahren, sogar in den Bereich, wo sonst die Abgeordneten parken. Ich hatte kurz diesen Gedanken, dass man dort wahrscheinlich mit einem Opel-Kombi sofort merkt, dass man nicht dazugehört. Aber dann standen da ganz normale Autos. Kein Fuhrpark aus politischer Parallelwelt. Kleinwagen, Kombis, unauffällige Fahrzeuge. Sogar ein Opel Corsa mit Parteiaufschrift fiel mir auf – von der SPD – und genau solche Details machen einen Ort direkt realer.

Vom Parkdeck ging es Richtung Eingang. Sicherheitskontrolle. Taschen aufs Band, einmal durch den Rahmen, kurzer Blick, Ausweise. Wie am Flughafen, nur weniger hektisch. Nina hatte uns vorher angemeldet, wir bekamen unsere Besucherausweise und konnten uns im Gebäude bewegen. Die Menschen an der Kontrolle waren freundlich, routiniert, mit diesem leicht rheinischen Ton, bei dem alles geregelt ist, aber nicht steif wirkt.

Innen ist der Landtag hell. Viel heller, als ich erwartet hatte. Große Glasflächen, hohe Decken, offene Wege. Stimmen tragen durch die Räume, ohne dass es laut wird. Überall Bewegung: Schülergruppen mit Rucksäcken, Mitarbeitende mit Unterlagen, Menschen mit Besucherausweisen, Abgeordnete im Gespräch. Da steht jemand mit einem Kaffee in der Hand, dort beugen sich zwei über ein Papier, ein paar Meter weiter löst sich gerade eine kleine Gesprächsgruppe auf.

Und mitten in diesem Betrieb kommt Nina auf uns zu. Keine große Inszenierung, kein Protokollgefühl, sondern einfach eine herzliche Begrüßung. Wie es sich für eine richtige Genossin gehört, nahm sie uns erstmal ordentlich in Empfang – und führte uns direkt in die Landtagskantine.

Die Kantine war voll. Richtig voll. Man hörte Besteck, Gespräche, Stühle, die über den Boden rücken. An den Tischen saßen Abgeordnete, Mitarbeitende, Leute aus verschiedenen Bereichen des Hauses. Und was mir sofort auffiel: Da saßen nicht nur Fraktionen fein säuberlich unter sich. Man sah auch Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern zusammensitzen, essen, reden, lachen. Kein großes Theater, kein sichtbarer Graben mitten durch den Raum. Eher Alltag.

Während wir aßen, kamen immer wieder Leute vorbei, grüßten Nina, wechselten ein paar Sätze, gingen weiter. Namen, Termine, kurze Rückfragen. Man merkte schnell: Die Kantine ist nicht nur ein Ort zum Essen. Sie ist auch Flur, Marktplatz, Pausenraum, Zwischenstation. Ein Ort, an dem Politik nicht am Rednerpult passiert, sondern zwischen Tablett, Kaffee und nächstem Termin.

Nach dem Essen führte Nina uns durch das Gebäude. Und erst da merkt man, wie groß dieser Landtag eigentlich ist. Von außen wirkt er vergleichsweise kompakt. Innen zieht er sich in verschiedene Richtungen. Breite Wege, Treppen, Übergänge, Rundungen. Man läuft selten einfach nur geradeaus. Immer wieder öffnen sich Räume, dann wird es enger, dann wieder hell und weit.

Diese runden Formen sind auffällig. Sie passen zu einem Parlament. Nicht, weil man daraus gleich eine große Symbolik machen muss, sondern weil man beim Gehen spürt, dass dieses Gebäude auf Begegnung angelegt ist. Man läuft nicht einfach durch anonyme Verwaltungsflure. Immer wieder entstehen Stellen, an denen Menschen stehen bleiben, miteinander sprechen, sich kurz abstimmen.

An den Wänden hängen Kunstwerke. Nina erzählte, dass im Landtag regelmäßig Ausstellungen stattfinden und dabei auch Künstler*innen aus NRW gezeigt werden. Das läuft fast beiläufig mit, ist aber ein schönes Detail. Zwischen Sitzungen, Ausschüssen und politischen Terminen hängen da Bilder aus dem Land, über das hier entschieden wird.

Wir kamen auch in die Bereiche der Fraktionen. Dort verändert sich die Atmosphäre etwas. Weniger Besucherbewegung, mehr Türen, mehr konzentriertes Arbeiten. Man hört Stimmen hinter geschlossenen Räumen, sieht Menschen mit Unterlagen, kurze Wege zwischen Büros und Besprechungen. Hier wird deutlicher, dass die Bilder aus dem Plenum nur ein kleiner Ausschnitt sind. Das, was man später in einer Debatte sieht, entsteht vorher in Gesprächen, Abstimmungen, Ausschüssen, Entwürfen und Rücksprachen.

Gerade das fand ich spannend, weil man auf kommunaler Ebene ja auch Ausschüsse, Vorlagen und Sitzungen kennt. Aber im Landtag wirkt alles größer, dichter, professioneller organisiert. Fast 200 Abgeordnete, dazu wissenschaftliche Mitarbeitende, Fraktionsstrukturen, Verwaltung, Besuchergruppen, Termine parallel. Es ist kein Ort, der nur dann arbeitet, wenn vorne im Plenum jemand spricht.

Auf dem Weg zu Ninas Büro ergab sich dann einer dieser Momente, die man nicht planen kann. Ein paar Meter weiter saß Thomas Kutschaty.

Für mich war das natürlich etwas ganz Besonderes. Thomas Kutschaty ist nicht nur ein bekannter SPD-Politiker und ehemaliger Spitzenkandidat in NRW, sondern eben auch Essener. Und ich komme gebürtig aus Essen-Katernberg. Also sprach ich ihn kurz an, und Lutz fragte nach einem Foto.

Er schaute auf und fragte erstmal, ganz direkt, mit diesem unverkennbaren Pott-Ton:
 „Wo kommt ihr denn weg?“ Ich sagte: „Gebürtig aus Essen, Katernberg.“
Da wurde er direkt hellhörig, schaute kurz zu Nina und dann wieder zu mir. Als ich ergänzte, dass ich inzwischen in Weseke im Kreis Borken wohne, kam mit einem breiten Grinsen und genau diesem Ruhrpott-Augenzwinkern: „Wat, aus Essen nach Borken? Ach du Scheiße!“ Und dann wurde gelacht.

Das war kein abwertender Spruch, sondern genau dieser Humor, den man aus dem Pott kennt. Direkt, trocken, herzlich. Danach ein paar Worte, Foto gemacht, weiter ging es. Gerade solche kleinen Begegnungen machen diesen Ort greifbar. Da sitzt jemand, der als Jurist und Politiker richtig was auf dem Kasten hat, der Landespolitik geprägt hat – und im nächsten Moment ist da einfach ein Essener, der einen anderen Essener auf seine neue Heimat im Kreis Borken anspricht.

Bevor wir unseren Podcast aufnahmen, gingen wir noch ins Plenum. Wir hatten eigentlich gehofft, noch die Debatte zum Thema Social-Media-Verbot mitzubekommen, aber durch den Stau hatten wir diesen Tagesordnungspunkt verpasst. Später ging es dann unter anderem um Energiepolitik und den Umgang mit den Folgen der Energiekrise.

Von der Besucher*innentribüne aus sieht man den Plenarsaal aus einer ganz anderen Perspektive. Unten die Reihen der Abgeordneten, vorne das Rednerpult, darüber diese klare Ordnung des Raumes. Als Besucher darf man nicht klatschen, nicht fotografieren, nicht kommentieren. Man sitzt da und beobachtet. Und genau das ist interessant.

Man sieht, wer zuhört. Wer spricht. Wer gerade nicht im Saal ist. Welche Reihen voller sind, welche leerer. Man sieht auch, dass politische Arbeit nicht nur in diesem sichtbaren Moment passiert. Manche Abgeordnete sind parallel in Arbeitskreisen, in Gesprächen oder in ihren Büros. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch Momente, in denen man sich seinen Teil denkt. Gerade wenn Parteien öffentlich sehr laut für sich beanspruchen, die einzigen zu sein, die wirklich arbeiten, ist ein Blick von oben auf den Saal manchmal durchaus aufschlussreich.

Ich will daraus gar keine große Plenarkritik machen. Aber ich glaube, jeder sollte sich so eine Sitzung einmal selbst ansehen. Es ist etwas anderes, ob man Politik über kurze Clips wahrnimmt oder ob man im Raum sitzt und die Abläufe beobachtet. Danach ging es zurück in Ninas Büro.

Und auch da wieder: kein Prunk, kein großes Abgeordnetenklischee. Das Büro ist klein, funktional, normal. Schreibtisch, Stühle, Unterlagen, Arbeitsmaterial. Nina teilt sich den Raum mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin. Wenn man Bilder von „denen da oben“ im Kopf hat, dann passen diese Räume nicht dazu. Das ist eher ein Arbeitszimmer als ein Machtzentrum.

Und dann eben diese Wand: die Kinderrechte. Sichtbar, groß, präsent.

Wir bauten unser Podcast-Equipment auf. Mikrofone, Kabel, Aufnahmegerät. Währenddessen lief der Landtagsbetrieb weiter. Immer wieder kamen Nachrichten, Rückfragen, kurze Themen rein. Bildungspolitik, Termine, Abstimmungen, Fragen aus anderen Zusammenhängen. Nina war bei uns im Gespräch und gleichzeitig immer wieder in diesem parallelen Arbeitsmodus, den man aus Leitungsfunktionen kennt: zuhören, sortieren, reagieren, zurück ins Thema.

Was mich dabei beeindruckt hat, war weniger die reine Menge an Arbeit, sondern die Art, wie sie damit umging. Ruhig, zugewandt, nicht hektisch. Ein kurzer Blick, eine kurze Antwort, dann wieder volle Aufmerksamkeit im Gespräch.

Im Podcast selbst ging es um Kinderrechte, Jugendhilfe, Kinderschutz und um die Frage, wie politische Rahmenbedingungen im Alltag von Kindern und Jugendlichen ankommen. Für mich war das ein besonderes Gespräch, weil ich seit Jahren in der Jugendhilfe arbeite. Da merkt man ziemlich schnell, ob jemand nur über pädagogische Themen spricht oder ob da noch ein fachliches Grundverständnis vorhanden ist. (Bald auf Spotify, Amazon Music und Apple Podcasts zu hören)

Bei Nina war dieses pädagogische Denken spürbar. Obwohl sie inzwischen in der Landespolitik arbeitet, war da noch dieses Feuer, das man aus der Arbeit mit Kindern kennt. Nicht romantisch, nicht naiv, sondern fachlich. Es ging um Verantwortung, um Strukturen, um Situationen, in denen Kinder Schutz brauchen, und darum, was es bedeutet, Kinderrechte ernst zu nehmen.

Auch schwere Themen kamen vor. Fälle, bei denen Kinder Leid erfahren haben. Politische Aufarbeitung. Die Frage, was solche Vorgänge mit Menschen machen, die sich fachlich und politisch damit beschäftigen. Nina sprach nicht so darüber, als wäre das nur ein Aktenpunkt. Und gerade dadurch blieb das Gespräch für mich nicht abstrakt.

Gleichzeitig landeten wir immer wieder bei ganz praktischen Fragen: Was brauchen Fachkräfte? Was brauchen Eltern? Welche Rahmenbedingungen helfen wirklich? Wie schafft man es, dass Kinderrechte nicht nur in Konzepten stehen, sondern im Alltag eine Rolle spielen? Gegen 17 Uhr waren wir fertig. Für uns bedeutete das: Equipment abbauen, Jacken nehmen, langsam Richtung Ausgang.

Für Nina war der Tag damit noch nicht vorbei. Weitere Termine standen an, eine Verabschiedung in der Fraktion, Vorbereitung auf andere Themen, Ausschüsse, die teilweise noch bis in den Abend liefen. Und am nächsten Morgen klingelt der Wecker wieder früh. Das merkt man diesem Ort auch an: Er hat keinen echten Stillstand. Selbst wenn man geht, läuft er weiter.

Auf dem Weg nach draußen kamen wir wieder durch die Flure, vorbei an den offenen Bereichen, den Bildern, den Gruppen, den Türen, hinter denen gesprochen wurde. Draußen wartete wieder Düsseldorf. Verkehr, Straße, Rückfahrt. Lutz und ich fuhren zurück Richtung Münsterland.

Und irgendwo auf dieser Rückfahrt blieb dieses Gefühl hängen, dass der Tag mehr war als ein Podcasttermin. Nicht, weil alles perfekt war. Natürlich ist auch ein Parlament ein Ort von Macht, Interessen, Hierarchien und Eitelkeiten. Natürlich laufen dort nicht nur idealistische Demokratieszenen ab. Der Landtag ist kein heiliger Raum. Er ist, wahrscheinlich ziemlich genau, ein Spiegel unserer Gesellschaft – nur konzentrierter.

Aber vielleicht war gerade das der Punkt.

Man sieht dort nicht „die Politik“ als abstrakte Masse. Man sieht Menschen, Wege, Büros, Gespräche, Kantinentische, volle Kalender, Schülergruppen, Sicherheitskontrollen, Currywurst, Kinderrechte an der Wand und einen Essener, der lachend fragt, wie man denn bitte von Essen nach Borken kommt.

Und am Ende ist Demokratie vielleicht genau dann am stärksten spürbar, wenn sie nicht feierlich auftritt, sondern alltäglich.

Danke an Nina Andrieshen für die Einladung, die Zeit und den offenen Einblick.

Und wenn ihr wissen wollt, worüber wir im Podcast genau gesprochen haben: Hört gerne bald rein.


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