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Auto adé!
Warum der ÖPNV der neue Luxus ist – und warum er nichts kosten sollte
Stell dir mal vor, du stehst täglich im Stau. Nicht zehn Minuten, nicht zwanzig – eine Stunde oder mehr. Die Luft ist zum Schneiden dick, der Lärm ohrenbetäubend, und am Ende des Tages haben Sie zwei Stunden Ihres Lebens im Auto verbracht – ohne voranzukommen. Willkommen im NRW-Verkehrschaos 2026. Doch das ist noch nicht alles. Denn während die Städte im Stau ersticken, veröden die ländlichen Regionen. Dort gibt es keine Busse, keine Bahnen, keine Alternativen zum Auto. Junge Menschen ziehen weg, weil sie ohne Auto nicht mobil sind. Ältere Menschen sind isoliert, weil sie nicht mehr Auto fahren können. Die Wirtschaft leidet, weil Pendler*innen Stunden im Stau verbringen, statt zu arbeiten.
Alt, Grau, ineffizient
Unser Verkehrssystem ist nicht nur ineffizient, es ist auch ungerecht. Wer sich ein Auto leisten kann, hat Freiheit. Wer es nicht kann, ist abgehängt. Und das Schlimmste daran: Es muss nicht so sein. Das Auto war einst ein Symbol für Freiheit und Fortschritt. Doch heute ist es eher ein Symbol für Stau, Umweltzerstörung und soziale Ungleichheit. 20% der deutschen CO₂-Emissionen stammen aus dem Verkehr, und Diesel- und Benzinautos sind die Hauptverursacher von Feinstaub und Stickoxiden, die jährlich 80.000 Menschen in Deutschland das Leben kosten. Elektroautos sind keine Lösung, denn selbst wenn alle Autos elektrisch wären, blieben Staus, Flächenverbrauch und soziale Ungleichheit. Ein parkendes Auto benötigt 10 m² Platz, ein fahrendes bis zu 100 m². In deutschen Städten sind 30 bis 50% der Fläche für Autos reserviert, für Straßen, Parkplätze und Garagen. Die Folge: weniger Platz für Menschen, weniger Grünflächen, weniger Lebensqualität. Ein Auto kostet im Schnitt 6.000 Euro pro Jahr, und die Gesellschaft zahlt noch mehr durch Staus, die der Wirtschaft 100 Milliarden Euro pro Jahr kosten, Unfallkosten von 30 Milliarden Euro und Umwelt- und Gesundheitsschäden von 60 Milliarden Euro. Wer kein Auto hat, zahlt trotzdem mit, durch Steuern, die in den Straßenbau fließen.
Rote Vorzeigeprojekte
Dass es auch anders geht, zeigen Städte und Länder weltweit. In Luxemburg ist der gesamte ÖPNV seit 2020 kostenlos, und die Nutzerzahlen stiegen um 60%. Die Luftqualität verbesserte sich, und die Akzeptanz ist hoch, mit 90% der Bürger*innen, die für das Modell sind. Tallinn führte 2013 als erste Großstadt der Welt kostenlosen ÖPNV ein, und die Nutzerzahlen stiegen um 14%, während die CO₂-Emissionen um 10% sanken. In Kopenhagen fährt jede*r zweite Weg mit dem Rad, dank eines dichten Netzes an Radschnellwegen und einer autofreien Innenstadt. In der Schweiz fährt der ÖPNV im Takt, mit 90% Pünktlichkeit und hoher Nutzung.
Die Verkehrswende ist machbar, aber sie erfordert ein enormes Umdenken. Zunächst sollte der ÖPNV ticketfrei werden. Busse, Bahnen und Trams könnten kostenlos sein, finanziert durch eine Umlage auf Autofahrer*innen, die Streichung von Subventionen für den Autoverkehr oder kommunale Finanzierung. Die Argumente für kostenlosen ÖPNV sind klar: Mehr Nutzer*innen, weniger Staus und soziale Gerechtigkeit. Aber auch der ÖPNV muss ausgebaut werden, besonders im ländlichen Raum. Stillgelegte Bahnstrecken könnten reaktiviert, Busnetze mit Taktfahrplänen und On-Demand-Shuttles ausgebaut und die Anbindung von Dörfern durch Rufbusse und Mitfahrgelegenheiten verbessert werden. Das bedeutet, dass Innenstädte autofrei werden sollten. Fußgängerzonen könnten ausgeweitet, Parkplätze reduziert und durch Grünflächen, Radwege und Sitzgelegenheiten ersetzt werden. Aber es braucht auch eine Revolution im Fahrradverkehr. Protegierte Radwege auf allen Hauptstraßen, Radschnellwege zwischen Städten und Dörfern, Fahrradparkhäuser an Bahnhöfen und in Innenstädten sowie Leihradsysteme mit günstigen Tarifen und E-Bikes sind notwendig und denkbar. Zudem sollten Carsharing und Mitfahrgelegenheiten gefördert werden. Carsharing-Angebote könnten mit Elektroautos und günstigen Tarifen ausgebaut, Mitfahrbörsen durch Steuererleichterungen für Fahrgemeinschaften gefördert und autofreie Wohnquartiere geschaffen werden, in denen Carsharing die Regel ist. Darüber hinaus könnten Sozialtarife für den ÖPNV als Übergangslösung eingeführt werden, mit kostenlosen Fahrten für Kinder und Jugendliche sowie günstigen Monatskarten. Zuletzt sollte die Verkehrswende als Gemeinschaftsprojekt gestaltet werden, mit partizipativer Verkehrsplanung, der Einbindung von Unternehmen durch Betriebs-Shuttles, Jobtickets und Homeoffice-Förderung sowie Kampagnen für die Verkehrswende.
Die Gegenargumente sind bekannt: Es koste zu viel, die Leute wollten doch ihre Autos behalten, das schrecke die Wirtschaft ab, das sei unrealistisch. Doch die Antworten darauf sind klar: Die Kosten von Nicht-Handeln sind höher. Staus, Unfälle und Umweltzerstörung kosten die Gesellschaft Jahr für Jahr 200 Milliarden Euro. Investitionen in den ÖPNV zahlen sich aus durch weniger Staus, bessere Luft und mehr Lebensqualität. Die meisten Menschen wollen keine Autos, sie brauchen sie, weil es keine Alternativen gibt. Sobald der ÖPNV gut, günstig und zuverlässig ist, steigen die Menschen um. Im Gegenteil, eine gute ÖPNV-Anbindung fördert die Wirtschaft, weil Pendlerinnen und Pendler schneller ans Ziel kommen und Unternehmen besser erreichbar sind. Luxemburg und Tallinn beweisen das Gegenteil. Kostenloser ÖPNV funktioniert und wird von der Bevölkerung begeistert angenommen.
Die Verkehrswende ist kein Traum, sie ist überfällig. Die Wahl liegt vor uns: Weiter so wie bisher und zusehen, wie unsere Städte im Stau ersticken, die ländlichen Regionen veröden und das Klima kollabiert. Oder eine radikale Wende einleiten hin zu einer Mobilität für alle, die klimafreundlich, sozial und lebenswert ist. Die Technologien und Konzepte gibt es. Was fehlt, ist der politische Wille. Die Frage ist nicht, ob wir die Verkehrswende schaffen können. Die Frage ist: Wann fangen wir endlich an?