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Wohnraum für alle!
Wohnen als Menschenrecht – Warum der Markt die Wohnungsfrage nicht lösen wird
Die Wohnungsfrage ist längst zur sozialen Frage unserer Generation geworden. Und trotzdem tut die Politik vielerorts noch immer so, als ließe sich das Problem mit ein paar Förderprogrammen und schönen Pressemitteilungen lösen.
Während Menschen verzweifelt nach bezahlbaren Wohnungen suchen, explodieren die Mieten weiter. Über 44 Millionen Menschen leben in Deutschland zur Miete. Mehr als 52 Prozent der Bevölkerung also. Gleichzeitig warnt der Deutsche Mieterbund, dass rund 6 Millionen Mieter*innen massiv durch ihre Wohnkosten belastet sind. Fast jede dritte Person hat Angst, sich die eigene Wohnung künftig nicht mehr leisten zu können. Das ist kein Randproblem mehr. Das ist eine soziale Krise mitten in unserer Gesellschaft.
Der Markt regelt. Aber nicht gerecht!
Besonders bitter ist dabei: Diese Krise ist politisch gemacht. Seit Jahrzehnten wurde der Wohnungsmarkt dem freien Spiel des Marktes überlassen. Die Folgen sehen wir heute überall. Spekulation statt sozialer Verantwortung. Rendite statt Menschenrecht. Wohnungen werden zunehmend als Kapitalanlage gekauft, während Familien, Studierende, Alleinerziehende und Rentner*innen um bezahlbaren Wohnraum kämpfen müssen. Wer heute in vielen Städten eine Wohnung sucht, konkurriert nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit internationalen Investmentfonds.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In Berlin sind die Mieten seit 2010 um über 100 Prozent gestiegen. In München liegen die Quadratmeterpreise in manchen Stadtteilen inzwischen bei über 20 Euro kalt. Dort kostet eine durchschnittliche Wohnung mittlerweile etwa das Zwölffache des jährlichen Haushaltseinkommens. Auch Hamburg, Frankfurt oder Köln bewegen sich in Regionen, die für normale Arbeitnehmer*innen kaum noch bezahlbar sind. Gleichzeitig leben über acht Millionen Menschen in überbelegten Wohnungen und jede sechste Person wohnt unter Bedingungen mit Feuchtigkeit oder Schimmel. Das ist kein „angespannter Markt“ mehr. Das ist sozialer Sprengstoff.
Und während in den Großstädten die Verdrängung immer brutaler wird, sterben viele ländliche Regionen langsam aus. Junge Familien ziehen weg oder finden keinen Wohnraum mehr in der Nähe ihrer Arbeitsplätze. Infrastruktur verschwindet, Dörfer altern, Busverbindungen werden gestrichen. Der Wohnungsmarkt spaltet längst ganze Regionen. Dabei wurde uns jahrelang erzählt, der Markt werde das Problem schon lösen. Genau das Gegenteil ist passiert. Der Markt hat versagt. Und zwar komplett. Boden ist eben kein gewöhnliches Wirtschaftsgut. Boden ist begrenzt. Wer ihn besitzt, kontrolliert die Preise. Genau deshalb steigen die Mieten immer weiter, obwohl immer mehr Menschen längst an ihre finanziellen Grenzen kommen.
Eine politische Schnitzeljagd, ohne Ziel
Natürlich gab es politische Maßnahmen. Die Mietpreisbremse wurde 2015 eingeführt und 2025 erneut verlängert. In angespannten Wohnungsmärkten dürfen neue Mieten damit höchstens 10 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Doch die Realität zeigt: Die Wirkung bleibt begrenzt. Neubauten und umfassend modernisierte Wohnungen sind oft ausgenommen. Viele Vermieterinnen umgehen die Regeln problemlos. Die Folge ist, dass die Mietpreisbremse häufig eher ein politisches Symbol als ein echter Schutzschild für Mieter*innen ist.
Auch die große Bauoffensive der Ampelregierung bleibt weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück. 400.000 neue Wohnungen pro Jahr wurden versprochen, darunter mindestens 100.000 Sozialwohnungen. Vier Jahre später ist klar: Dieses Ziel wurde deutlich verfehlt. Gleichzeitig laufen jedes Jahr Tausende Sozialbindungen aus. Wohnungen, die einmal gefördert wurden, landen wieder auf dem freien Markt und werden teuer vermietet. Das ist wohnungspolitischer Irrsinn.
Hinzu kommt der sogenannte Bauturbo. Genehmigungsverfahren sollen beschleunigt werden, Kommunen können einfacher bauen und Bebauungspläne schneller umgehen. Auch in Heiden gibt es erste Maßnahmen dazu. Doch ein echter „Turbo“ ist bisher kaum sichtbar. Denn das Grundproblem bleibt bestehen: Es wird zu wenig sozial gebaut und zu viel renditeorientiert geplant.
Deshalb reicht es nicht mehr, nur ein bisschen nachzubessern. Es braucht einen echten Kurswechsel. Wohnen muss endlich wieder als Grundrecht behandelt werden und nicht als Investmentprodukt. Städte wie Wien zeigen seit Jahren, dass es anders geht. Dort leben rund 60 Prozent der Menschen in gefördertem Wohnraum. Die Stadt besitzt etwa 220.000 Wohnungen selbst und baut kontinuierlich neue. Die Mieten bleiben dadurch stabil und bezahlbar. In Amsterdam sichern kommunale Bodenrechte sozialen Wohnungsbau, indem Grundstücke gezielt für gemeinwohlorientierte Projekte vergeben werden. Währenddessen diskutieren wir in Deutschland immer noch darüber, ob ein Mietendeckel „zu radikal“ sei.
Wir brauchen eine entschiedene Wohnungsmarktpolitik!
Dabei hat selbst der Berliner Mietendeckel gezeigt, dass Regulierung wirken kann. In einigen Bezirken sanken die Mieten zeitweise um bis zu 20 Prozent. Dass das Modell später juristisch scheiterte, bedeutet nicht, dass die Idee falsch war. Es bedeutet nur, dass man bundesweit endlich den politischen Mut für echte Reformen braucht.
Was jetzt notwendig wäre, liegt eigentlich auf der Hand: massive Investitionen in kommunalen Wohnungsbau, eine dauerhafte Sozialbindung von geförderten Wohnungen, ein deutlich stärkerer Mieterschutz und ein Ende der Bodenspekulation. Kommunen brauchen Vorkaufsrechte für Grundstücke. Genossenschaften müssen stärker gefördert werden. In jedem Neubaugebiet sollte ein verbindlicher Anteil sozial geförderter Wohnungen entstehen. Und ja: Auch über Enteignungen großer Immobilienkonzerne muss gesprochen werden, wenn Wohnraum systematisch dem Markt entzogen wird.
Denn die Wahrheit ist unbequem: Während Millionen Menschen jeden Monat Angst vor der nächsten Mieterhöhung haben, erzielen große Immobilienunternehmen Rekordgewinne. Während Familien keinen Wohnraum finden, stehen Wohnungen leer oder werden als Ferienapartments zweckentfremdet. Und während junge Menschen kaum noch wissen, wie sie jemals Eigentum erwerben oder bezahlbar wohnen sollen, verteidigen manche noch immer einen „freien Markt“, der längst nur noch den Interessen weniger dient.
Die Wohnungsfrage entscheidet zunehmend darüber, wie gerecht unsere Gesellschaft in Zukunft sein wird. Wer heute die Hälfte seines Einkommens für Miete ausgeben muss, hat kaum Chancen auf Vermögensaufbau, soziale Teilhabe oder finanzielle Sicherheit. Wohnen ist deshalb keine Nebensache. Wohnen entscheidet über Lebensqualität, Chancen und soziale Stabilität.
Die entscheidende Frage lautet also nicht mehr, ob wir stärker regulieren sollten. Die entscheidende Frage lautet: Wie lange wollen wir noch zulassen, dass Menschen aus ihren Vierteln verdrängt werden, während Investoren mit Wohnraum Milliarden verdienen?
Bezahlbares Wohnen darf kein Luxus sein. Es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Und langsam läuft uns die Zeit davon.