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Aus Grau, Grün machen!

Stell dir vor, du wachst morgens auf, und es ist bereits 30°C, obwohl es erst neun Uhr ist. Die Luft flimmert über dem Asphalt, und der einzige Schatten spendet ein schmales Plakat an der Bushaltestelle. Die Kinder können nicht raus, weil der nächste Spielplatz zwei Kilometer entfernt ist – und der Weg dorthin an einer vielbefahrenen Straße entlangführt. Willkommen in der Stadt oder dem Dorf von morgen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Denn die Realität ist: Unsere Gemeinden werden immer heißer, immer grauer und immer lebensunfreundlicher. Während in ländlichen Regionen die Dörfer ausbluten, ersticken die Metropolen unter Beton, Abgasen und Lärm. Und das Schlimmste daran? Das ist kein Naturphänomen. Das ist gemacht.

Die Flächenversiegelung ist eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit. In Deutschland werden täglich 60 Hektar Boden versiegelt – das entspricht zwei Mal der Fläche Münchens pro Jahr. Die Folgen sind verheerend: In dicht bebauten Gebieten ist es bis zu 10°C wärmer als im Umland. In Berlin gab es 2025 20 Hitzetote pro Woche im Sommer. Versiegelte Böden können kein Wasser aufnehmen, was die Flutkatastrophe 2021 mitverursacht hat. Insekten finden keine Lebensräume mehr, und 75% der Fluginsekten sind seit 1989 verschwunden. Doch das ist noch nicht alles. Unsere Gemeinden machen uns auch krank. Jede*r zweite Stadtbewohner*in leidet unter gesundheitsschädlichem Lärm, und die WHO schätzt, dass jährlich 80.000 Menschen in Deutschland an den Folgen von Luftverschmutzung sterben. Weil es keine sicheren Radwege und Grünflächen gibt, bewegt sich jeder Dritte zu wenig, mit Folgen wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Diagnose ist klar: Unsere Städte sind nicht für Menschen gemacht. Sie sind für Autos, für Investor*innen und für kurzfristige Gewinne gemacht. Doch es geht auch anders. In Kopenhagen hat sich die Stadt ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2025 soll jede*r Einwohner*in maximal 15 Minuten von einem Park oder einer Grünfläche entfernt wohnen. Jedes neue Gebäude muss ein begrüntes Dach haben, und 50% aller Wege werden mit dem Rad zurückgelegt. In Barcelona wurden mehrere Straßenblöcke zu autofreien Zonen zusammengefasst, den sogenannten Superblocks. Der Verkehr wird um die Blöcke herumgeleitet, während im Inneren Spielplätze, Grünflächen und Begegnungszonen entstehen. In Wien hat jede Person einen Grünraum in maximal 100 Metern Entfernung, und in jedem Bezirk gibt es Läden des täglichen Bedarfs.

Die Transformation unserer Städte ist machbar, aber sie erfordert radikales Umdenken. Erstens muss die Flächenversiegelung gestoppt und rückgängig gemacht werden. Kommunen müssen das Recht auf Entsiegelung erhalten, Parkplätze sollten reduziert und durch begrünte Flächen ersetzt werden, und Brachen könnten zwangsweise begrünt werden.

Zweitens brauchen wir mehr Grünflächen, und zwar verbindlich. Jedes Neubaugebiet sollte mindestens 30% Grünflächen haben, Dach- und Fassadenbegrünung sollte Pflicht für alle Neubauten sein, und Urban Gardening könnte durch die Bereitstellung von Flächen für Gemeinschaftsgärten gefördert werden.

Drittens müssen Hitzeinseln bekämpft werden, etwa durch das Schwammstadt-Prinzip, bei dem Straßen und Plätze Wasser aufnehmen und speichern können, durch kühle Materialien wie hellere Beläge und Wasserspiele oder durch das Pflanzen von 10.000 neuen Bäumen pro Jahr in jeder Großstadt.

Viertens ist eine Verkehrswende notwendig. Autofreie Innenstädte, der Ausbau des ÖPNV und der Radinfrastruktur mit protegierten Radwegen auf allen Hauptstraßen sind dringend nötig.

Fünftens muss die Nahversorgung gesichert werden. Leerstehende Ladenlokale könnten stark besteuert, Kleinstläden durch Mietzuschüsse gefördert und Wochenmärkte ausgebaut werden.

Sechstens sollten öffentliche Räume für alle geschaffen werden, mit Spielplätzen in jedem Quartier, Begegnungszonen mit Bänken, Trinkbrunnen und Schatten sowie Kultur im öffentlichen Raum durch kostenlose Open-Air-Konzerte, Theater und Kinos. Siebtens müssen Bürger*innen eingebunden werden, etwa durch partizipative Stadtplanung, Bürgerräte oder die Unterstützung von Initiativen wie dem Parking Day.

Natürlich gibt es auch hier Gegenargumente. Es koste zu viel, es gebe keinen Platz, das schrecke Investor*innen ab, die Leute wollten doch ihre Autos behalten. Doch die Antworten darauf sind klar: Die Kosten von Nicht-Handeln sind höher. Hitze, Hochwasser und Gesundheitsprobleme kosten die Gesellschaft Milliarden. Investitionen in grüne Infrastruktur zahlen sich aus durch geringere Krankheitskosten, höhere Produktivität und mehr Tourismus. In jeder Stadt gibt es Brachen, Parkplätze und überdimensionierte Straßen, die umgenutzt werden können. In Berlin könnten 20% der Parkplätze zu Grünflächen werden, ohne dass es zu Parkplatzmangel kommt. Gut so, wir brauchen keine Investoren, die unsere Städte in Betonwüsten verwandeln. Wir brauchen Städte für Menschen. Die meisten Menschen wollen keine Autos, sie brauchen sie, weil es keine Alternativen gibt. Sobald der ÖPNV und die Radinfrastruktur gut sind, steigen die Menschen um.

Die Gemeinde der Zukunft ist grün – oder sie ist keine Zukunft. Die Wahl liegt vor uns: Weiter so wie bisher und zusehen, wie unsere Städte immer heißer, immer grauer und immer lebensunfreundlicher werden. Oder eine radikale Wende einleiten hin zu Städten, die grün, kühl und lebenswert sind. Die Technologien und Konzepte gibt es. Was fehlt, ist der politische Wille. Die Frage ist nicht, ob wir unsere Städte zurückerobern können. Die Frage ist: Wann fangen wir an?